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 Betreff des Beitrags: Schmerztherapie: Cannabis für Kinder
BeitragVerfasst: 04.05.2015, 16:59 
Redaktion
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Registriert: 02.11.2009, 19:57
Beiträge: 833
Schmerztherapie: Cannabis für Kinder

Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Lucia Schmidt
22.04.2015

Wenn Cannabis Medikament sein soll, wird die Diskussion emotional und unsachlich. Das Nachsehen haben dabei kranke Kinder – denn auch sie können von der Wirkung der Pflanze profitieren.

Ferdinand ist vier Jahre alt, er kann weder seine Arme richtig bewegen noch seine Beine, er kann nicht schlucken und hat keine Macht über seinen Körper. Die Welt erkunden kann er nur aufrecht angeschnallt in einem Rollstuhl. Ferdinand ist seit seiner Geburt aufgrund einer mehrfachen Fehlbildung im Gehirn vom Hals an abwärts weitestgehend gelähmt. Tetraspastik nennen Mediziner wie Professor Sven Gottschling eine solche Erkrankung.

Der Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes hat jeden Tag mit dem Leid von Kindern zu tun. Zu seinen Patienten gehören Heranwachsende, die immer wieder von Krampfanfällen geplagt werden, Jungen und Mädchen, die schon in frühen Jahren gegen den Krebs ankämpfen müssen, oder Kinder, die unter der Diagnose Multiple Sklerose leiden.

Einigen dieser Kinder gibt Sven Gottschling Cannabis - um Schmerzen und Übelkeit zu nehmen, Entspannung zu schaffen, Krämpfe zu verhindern oder Appetit anzuregen. Sie bekommen Cannabis nicht zum Rauchen in Form der Blüten, sondern Cannabinoide in Form von Tropfen oder Ölen als teilsynthetisch produzierte Rezeptur aus der Apotheke, die individuell auf den jeweiligen kleinen Patienten zugeschnitten ist.

Ohne Geld keine Studien

Auch Ferdinand bekommt von Gottschling ein solches Tetrahydrocannabinol. Seitdem er die Rezeptur nimmt, klagt er weniger über Schmerzen, wirkt deutlich ruhiger und schläft besser. Als einen Gewinn an Lebensqualität beschreiben seine Eltern das.

Doch Dronabinol, wie der Wirkstoffname der Rezeptur lautet, ist für Kinder - und auch Erwachsene - in Deutschland zwar verschreibungsfähig, aber nicht zugelassen. Das heißt: Ärzte dürfen Patienten auf einem Betäubungsmittelrezept die Rezeptur verschreiben, es besteht aber keine Verpflichtung der Krankenkassen, das Medikament auch zu bezahlen. Eine Ausnahme gibt es bei der speziellen ambulanten Palliativversorgung. Hier übernehmen die Kassen die Kosten für das Dronabinol.

Nicht zugelassen ist Dronabinol in Deutschland unter anderem, weil Studien fehlen, die seine Wirksamkeit eindeutig nachweisen. Erfahrungsberichte von Medizinern über ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis reichen für eine Zulassung nicht aus. Um solche Studien durchzuführen, braucht es Geld, genau das aber fehlt.

Kein Patent und hohe Hürden

Pharmaunternehmen haben wenig Anreize, Studien mit Cannabinoid-Medikamenten durchzuführen, vor allem, wenn es um Kinder geht. Denn die Unternehmen können auf die Cannabinoide kein Patent anmelden und mit der kleinen Gruppe kranker Kinder nur wenig Geld verdienen. Dazu kommt, dass die Fallzahlen bei Kindern häufig gering sind, die Hürden für Studien an Kindern aber besonders hoch, da sie zu Recht höheren ethischen Anforderungen unterliegen.

Das Resultat im Fall der Cannabinoide: Ohne wissenschaftliche Studiennachweise gibt es keine generelle Zulassung und damit keine Verpflichtung der Krankenkassen, die Kosten zu tragen. Das einzige in Deutschland zugelassene Cannabis-Fertigmedikament, das nicht in der Apotheke individuell gemischt werden muss, ist nicht in einer Dosierungsform für Kinder vorhanden und enthält außerdem Alkohol.

Aus diesen Gründen bleibt Gottschling nichts anderes übrig, als für jeden seiner kleinen Patienten, bei dem er Cannabinoide einsetzen will, einen Antrag an die Krankenkasse zu stellen - mit der Bitte um Kostenübernahme. In den meisten Fällen zahlen die Kassen bei den Kindern auch. „Das ist aus meiner Sicht der einzige Vorteil, den Kinder bei der Diskussion um Cannabinoide in der Medizin haben“, sagt Gottschling. Wer wolle schon einem schwerkranken Kind eine helfende Therapie verweigern. Bei Erwachsenen sei die Quote genehmigter Kostenübernahmen deutlich geringer.

Bau dein Cannabis doch selbst an

Ansonsten sieht Gottschling die Kinder aber als die Verlierer bei der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Diskussion rund um Cannabis. Genau genommen, spielten sie gar keine Rolle in der Diskussion.

Besonders die Debatte um den Eigenanbau von Cannabis hält Gottschling für falsch. Seine kranken Patienten und deren Eltern hätten überhaupt kein Interesse, Cannabis selbst anzubauen. Sie seien dazu meist weder in der Lage, noch würden sie sich eine eigene dosierte Therapie zutrauen. Das Gleiche gilt, wie Gottschling aus Erfahrung weiß, auch für erwachsene Patienten.

Statt darüber zu diskutieren, wie man die Indikationen für Cannabis-Rezepturen- oder -Fertigmedikamente auf breitere Füße stellen und ihre Verordnung erleichtern könne, streite man darüber, ob und wie viele Pflanzen ein Patient auf dem Balkon haben dürfe, sagt Gottschling. Er findet die Vorstellung geradezu absurd, Patienten zu sagen: „Bau dein Cannabis doch selbst an.“ Vor allem, wenn es Kinder betrifft. Man schicke Patienten ja auch nicht in den Wald, damit sie sich Acetylsalicylsäure gegen Kopfweh aus der Weidenrinde kratzen, oder rate Krebspatienten, Schlafmohn im Garten zu pflanzen, um daraus Opioid zu gewinnen.

Wirkung aus dem Labor – besser als ein Joint

Mit den Cannabis-Fertigmedikamenten und -Rezepturen könnten heute schon deutlich mehr Patienten gut versorgt werden als die 300 bis 400 Patienten, die hierzulande eine Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte haben. Nur sie dürfen sich bislang in der Apotheke Cannabisblüten zum Rauchen holen.

Darauf, dass Cannabis in Blütenform eine ganz andere Wirkung als in Tropfenform hat, weist Holger Rönitz hin. Er ist einer der Mitgründer der aus einer Patienteninitiative hervorgegangenen THC-Pharm GmbH. Das Unternehmen ist eines von zwei in Deutschland, die hochreine Dronabinol-Arzneimittel in einem aufwendigen Verfahren herstellen.

Ihre Wirkung unterscheide sich deutlich von der eines Joints, sagt Rönitz: „Die Zusammensetzung und Dosierung von Cannabis direkt aus der Blüte lässt sich schlecht steuern. Durch die Verarbeitung im Labor unter strengen Bedingungen sorgt man dafür, dass die Arznei langsam, gezielt und länger wirkt als die Blüte.“ Berauschende Nebenwirkungen seien dabei die Ausnahme. Ganz abgesehen davon, dass das Rauchen der Blüten an sich schon gesundheitsgefährdend sei, meint Rönitz.

Billig zum Kick?

Cannabis ist der Definition nach eine Gattung der Hanfgewächse. Um einen Rausch zu erleben, wird Cannabis meist in Form von Haschisch oder Marihuana konsumiert. Unverarbeitet enthält Cannabis neben dem psychoaktiven Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC) und dem eher sedierenden Cannabidiol (CBD) noch weitere Cannabinoide und andere Stoffe, deren medizinischer Nutzen nach Meinung der Experten noch nicht belegt ist.

Warum es Patienten gibt, denen nur die gerauchten Blüten der Hanfpflanze und nicht die im Labor hergestellten Medikamente helfen, konnten Ärzte und Wissenschaftler bis heute nicht eindeutig erklären. An Spekulationen darüber will sich Gottschling genauso wenig wie Rönitz beteiligen. Gottschling kann nur sagen, dass er bei Kindern diesen Unterschied in der Wirkungsweise noch nicht erlebt hat.

Aus anderen Ecken aber hört man hinter vorgehaltener Hand, dass hinter manchem Antrag, Cannabis für die eigene Gesundheit selbst anbauen zu können, vielleicht auch der Gedanke steckt, sich legal und preiswert einen Kick holen zu können.

Weniger Nebenwirkungen dank Cannabis

Eine klare Reglung und eine weniger emotionale Diskussion, bei der nicht die Frage der Legalisierung und die des medizinischen Nutzens von Cannabis vermischt werden, würde Gottschling nicht nur in den Verhandlungen mit den Krankenkassen, sondern auch in Gesprächen mit den Eltern Erleichterung verschaffen.

Dass Eltern aufgrund der diffusen Diskussion häufig völlig falsche Vorstellungen von einer Cannabis-Therapie haben, kann Gottschling nachvollziehen. Denn auf der politischen Bühne wird zurzeit fast in einem Atemzug über die Forderung „Kiffen frei für alle“ und den „leichteren Zugang zu Cannabis als Medizin für Schwerkranke“ diskutiert. Dabei fällt auch immer wieder der Satz: „Cannabis-Konsum ist für junge Menschen schädlich und gesundheitsgefährdend.“ Mit dieser Aussage auf den Lippen sitzen die Eltern dann vor Gottschling im Sprechzimmer.

Ihnen erklärt der Schmerzmediziner, dass bei einer therapeutischen Dosierung auch bei Langzeitanwendung normalerweise weder psychotrope Effekte wie Halluzinationen oder Verwirrtheit auftreten. Und auch keine vegetativen Symptome wie Herzrasen oder Sehstörungen. Er erklärt auch, dass durch die Gabe von Cannabis häufig die Gabe von Opioiden wegfällt, die als Schmerzmittel deutlich mehr Nebenwirkungen haben. Eine Überdosierung wie bei Opioiden oder freiverkäuflichen Schmerzmitteln, die gravierende Folgen für die Gesundheit haben kann, sei mit Cannabis praktisch gar nicht möglich.

Körper besitzt eigenen Cannabinoid-Rezeptor

Dass Cannabis nachgewiesenermaßen bei Heranwachsenden die Hirn- und Intelligenzentwicklung beeinflussen kann, verschweigt Gottschling den Eltern nicht. „Allerdings muss man das in Relation sehen zu der Erkrankung der Kinder“, sagt er. „Kinder, die an Krebs leiden, bekommen die Medikamente häufig nur einige Wochen lang.“ Dazu kommt, dass viele seiner Patienten leider gar nicht mehr das Erwachsenenalter erreichen.

Aber die wichtigste Information, die Gottschling fast gebetsmühlenartig wiederholt, ist: Unter ärztlicher Aufsicht und in therapeutischen Mengen hat er bisher keine bleibenden Folgen erlebt. Man dürfe eine solche Therapie eben nicht mit täglichem Kiffen gleichsetzen.

Dass der Körper mit einer therapeutischen Dosis Cannabis gut zurechtkommt, liegt vermutlich auch daran, dass er selbst über sogenannte Cannabinoid-Rezeptoren verfügt und über das Endocannabinoid-System verschiedene Vorgänge im Organismus steuert. Davor, Cannabinoide als ein völlig unbedenkliches Wundermittel zu verstehen, warnt Rönitz aber: „Wir sind erst dabei, die Wirkungsmechanismen ganz neu zu verstehen.“ Übertriebene Heilsversprechen, mit denen wie in den Vereinigten Staaten schnelles Geld verdient werden könne, findet Rönitz unethisch.

8000 Euro aus eigener Tasche

Das sieht auch Gottschling so: trotzdem würde er sich wünschen, dass mehr Mediziner sich mit Cannabis als Medikament beschäftigen. Immer wieder erlebt er, dass er Kinder auf die Rezeptur einstellt, aus der Klinik entlässt - und der niedergelassene Arzt sich dann weigert, das Medikament weiter zu verschreiben, aus Unwissen oder Angst vor Regress.

Das wiederum sind keine unbegründeten Ängste, meint Professor Joachim Nadstawek, Vorsitzender des Berufsverbands der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland. Der Leiter des Schmerzzentrums an der Janker Klinik Bonn behandelt vor allem Erwachsene mit Cannabis. Bei zwei seiner Patienten hätten die Krankenkassen die Kostenübernahme vor einiger Zeit verweigert, obwohl es den Patienten nachweislich besser ging. Die 8000 Euro für die Therapie hat Nadstawek aus eigener Tasche bezahlt.

Auch er ist der Meinung, dass Mediziner viel zu wenig vertraut sind mit dem richtigen Einsatz von Cannabinoiden. Würde die Politik endlich für klare Regelungen bei der Abrechnung mit den Krankenkassen sorgen, glaubt Nadstawek, würden auch Mediziner mehr Sicherheit gewinnen. Doch diese Regelungen lassen weiter auf sich warten. Wäre Ferdinand auf sie angewiesen, wären seine ersten Lebensjahre noch quälender gewesen.


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